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J. Courtial, 
Dr. A. Courtial

Suchtmedizinische Grundversorgung

 

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Letzter Ausweg Methadon


Es ist 9 Uhr. Im Wartezimmer in der Neuwieder Hermannstraße ist es voll. Vor etwa 20 Minuten ist ein Zug aus Koblenz eingelaufen, und dann kommt immer ein ganzer Schwung Patienten. „Der Methadon-Zug“, sagt Ärztin Stefanie Schmitz und lacht. „Eigentlich ist das gar nicht zum Lachen“, sagt sie dann schnell. „Das ist nämlich echt ein Problem. Viele unserer Patienten haben kein Geld und fahren schwarz. Und wenn sie mehrfach erwischt werden, dann wandern sie sogar in den Knast.“ Und Knast, das hat die Ärztin gelernt, bedeutet unter Umständen das Ende der Drogenersatztherapie (Substitution). An Stoff selbst dagegen mangelt es nicht hinter Gittern.

Aus Koblenz, Siegburg, Bad Neuenahr, aus dem Westerwald und von der Mosel kommen die Patienten nach Neuwied, um hier ihren Ersatzstoff zu bekommen, der ihnen ein (halbwegs) normales Leben ermöglicht. Die meisten haben eine harte Drogenvergangenheit. Und sind dann irgendwann und irgendwie in der Suchttherapeutischen Praxis von Joachim Courtial und Stefanie Schmitz gelandet, die vor zwei Jahren mit wenigen Patienten angefangen haben und jetzt mehr als 200 betreuen.

Angelina  Metzler und Maike Langenfeld gehören als engagierte Arzthelferinnen zum Team. „Es spricht sich eben rum, dass es so was gibt“, sagt Maik (Namen von der Redaktion geändert). Der 18-Jährige nimmt jetzt jeden Tag seine Dosis Methadon ein, statt Heroin zu spritzen, Wodka zu trinken und Beruhigungsmittel zu schlucken. „Man ist klarer im Kopf“, sagt er leise. „Man kann wieder nachdenken.“ Und das möchte er dringend. Denn er hat eine Freundin. Die hat ein Kind. Und dem möchte er ein Vater sein. Ein besserer als sein eigener Vater, sagt er.

Methadon und ähnliche Präparate nehmen den Patienten die körperlichen Entzugsymptome, die sie sonst unweigerlich hätten, wenn sie kein Heroin mehr nehmen. Aber es macht selbst genauso abhängig. „Allerdings ist es weit weniger gefährlich, weil es jeden Tag die gleiche Dosis ist und nicht mal gestreckt, mal reiner ist“, sagt Stefanie Schmitz. Das Risiko von Infektionen durch Spritzen fällt weg, ebenso der oft mit der Droge einhergehende körperliche Verfall. Und mindestens genauso wichtig: Die Patienten kommen aus der Zwickmühle der Beschaffungskriminalität heraus.

„Sie müssen nicht mehr den ganzen Tag darüber nachdenken, wie sie an Drogen kommen“, sagt die Ärztin. „Und sie können dann versuchen, ihr Leben wieder Stück für Stück in den Griff zu kriegen.“ Denn Drogenabhängigkeit, das ist der 41-jährigen Medizinerin ganz wichtig, ist eine chronische Krankheit. Der jüngste Patient ist 18 Jahre, der älteste 60. „Und sie kommen aus allen sozialen Schichten“, sagt die Ärztin.

Draußen vor der Praxis rauchen Michael und Sonja nach ihrem Schluck Methadonlösung noch schnell eine Zigarette. Bei beiden würde man nie im Leben vermuten, dass sie harte Junkies waren. „Ich hab’ aber auch immer auf mein Äußeres geachtet, trotzdem“, sagt Sonja. Viele, viele Jahre hat sie Heroin gespritzt und „alles Mögliche“ gemacht, um das Geld dafür zusammenzubekommen. Dafür war sie auch eineinhalb Jahre im Gefängnis. „Bin ich nicht stolz drauf“, sagt die 28-Jährige achselzuckend. Wie es bei ihr anfing? „Wie bei allen“, sagt sie. „Gekifft, dann Ecstasy und alles Mögliche.“

20 Jahre hatte Heinz Ruhe, nachdem er in seiner Jugend schon mal „Quatsch gemacht hatte“. Dann fing er wieder an, Drogen zu nehmen, „aus Dummheit“. „Aber ich komm da weg von“, sagt er entschlossen und drückt die Hand seiner Freundin. Heute ist er nur in der Praxis, weil er mit Dr. Schmitz das weitere Vorgehen besprechen will. Seine tägliche Methadon-Dosis nimmt er  schon länger in der Apotheke in seinem Heimatort ein. Sonst könnte er auch nicht arbeiten, wenn er jeden Tag nach Neuwied müsste.

Sicher wie in einem Safe ist die Ersatzdroge gelagert. Die ganze Praxis ist videoüberwacht.
Thomas Frey

Bis Heinz nicht mehr täglich in die Praxis kommen musste, war es ein langer Weg. „Wir wollen und müssen unsere Patienten zumindest am Anfang jeden Tag sehen“, sagt Dr. Schmitz. Ein Blick in die Pupillen, riechen, ob eine Alkoholfahne da ist. Regelmäßig werden unangekündigt Urintests gemacht, um zu überprüfen, ob die Patienten nebenbei illegale Drogen konsumieren. Denn dann verletzen sie die Vereinbarung des Behandlungsvertrags und müssen mit Sanktionen rechnen. „Deshalb sind die auch sehr erfinderisch, um uns zu hintergehen“, schmunzelt Schmitz. „Vor zwei Jahren, als ich hier angefangen habe, hatte ich keine Ahnung, wie man bei einer Urinprobe mit einem Extrabeutelchen oder einer Penisattrappe hereingelegt werden kann. Jetzt weiß ich’s.“ Die Urinproben werden deshalb unter den ganz strengen Augen der Arzthelferinnen abgegeben.

Kontrolle ist sowieso wichtig in der Praxis. Alle Räume sind videoüberwacht, zwischen Warte- und Behandlungszimmer ist eine Schleuse, um das Personal vor möglichen Überfällen zu schützen. Methadon und die anderen Medikamente sind in einem verriegelten Dosierautomaten und werden abends im Panzerschrank weggeschlossen. Eine Dosis des Präparats spuckt der Behälter nur aus, wenn entsprechende Patientendaten eingegeben wurden – und dann millilitergenau dosiert.

„Einmal hat eine Arzthelferin für ihren drogenabhängigen Freund Methadon abgezapft und die Flasche mit Wasser aufgefüllt. Selbst das hat das Gerät gemerkt, weil das spezifische Gewicht von Wasser und Methadon unterschiedlich ist“, erklärt Joachim Courtial, der seit 1989 drogenabhängige Patienten betreut. Die Arbeit in der Suchtmedizin ist an enge gesetzliche Rahmenbedingungen geknüpft, zusätzlich überwacht eine Kommission aus Ärzten und Krankenkassenvertretern die Therapie. Der bürokratische Aufwand ist enorm.

Das Methadon ist nur ein Baustein der Behandlung, die die Patienten in der Substitutionspraxis bekommen. Sehr viele von ihnen sind auch von Beruhigungsmitteln abhängig, die sie von ihren Hausärzten erhalten haben. „Das grenzt manchmal schon an Körperverletzung“, sagt Stefanie Schmitz kritisch. In der Substitutionspraxis werden die Patienten langsam von den Tranquilizern entwöhnt. Das steht auch als großes Ziel am Ende der Substitution: drogenfrei zu leben.

Aber für viele Patienten wird es ein Wunsch bleiben. Nicht alle schaffen es. „Viele haben echt eine schwere Zeit hinter sich, haben Gewalterfahrungen, schwierige Familienverhältnisse oder psychiatrische Erkrankungen“, sagt Schmitz. Um ihren Patienten möglichst umfassend zu helfen, sind die Ärzte immer für Gespräche da, arbeiten mit Drogenberatungsstellen und Arbeitsamt, mit Arge und Bewährungshelfern eng zusammen und versuchen, ein Hilfsnetzwerk für die Abhängigen zu stricken. „Denn die haben gar keine Lobby“, sagt Schmitz. „Noch viel weniger als Alkoholiker.“

Auch die Praxis wurde anfangs von den Nachbarn misstrauisch beobachtet. Was würden das für Leute sein, diese Ex-Junkies, die da jeden Tag kommen? Doch ernsthafte Probleme sind nie aufgetreten, und das wird in Koblenz hoffentlich auch nicht anders sein, wünschen sich die beiden Ärzte. Dort eröffnen sie in einer Woche eine Filiale, weil so viele ihrer Patienten von Koblenz kommen. „Sie brauchen eine Chance“, wirbt Stefanie Schmitz. „Substitution kann ihnen die geben.“

Quelle: Rhein-Zeitung